Zum Inhalt springen
Alle Beiträge
Artikel5 Min.

Ein KI-Team statt ein Chatbot — warum wir mit 35 Rollen arbeiten

Geschrieben von Florian Großschmidt ·

Sechs Domänen ordnen sich um eine zentrale Instanz, davor ein Tor, an dem ein Mensch steht.

Wenn Unternehmen über „KI im Betrieb" sprechen, meinen sie meistens ein einzelnes Chatfenster: eine Instanz, die auf jede Frage antwortet, von der Buchhaltung bis zum LinkedIn-Post. Bei uns sieht das anders aus. Wir arbeiten mit einem Team aus 35 benannten Rollen, jede mit klarem Zuschnitt, eigenem Fachwissen und eigenen Regeln. Das ist kein Selbstzweck, sondern die Antwort auf eine Frage, die sich stellt, sobald KI mehr tun soll als antworten: Wer darf was, und wer entscheidet?

Warum nicht einfach ein Chat, ein Projekt oder eine Automatisierung?

Ein Chat beantwortet Fragen. Ein Agent (ein KI-System, das mehrstufige Aufgaben selbstständig ausführt, statt nur zu antworten) erledigt Arbeit in echten Systemen: liest, schreibt, prüft, meldet zurück. Ein „Projekt", wie es viele KI-Werkzeuge anbieten, ist im Kern eine Wissenssammlung mit einem Chat davor, ohne Anbindung an CRM, Postfach oder Buchhaltung und ohne eigene Routinen. Und zwei gängige Architekturmuster für den Ablauf mehrerer KI-Schritte, der Loop, der einen einzelnen Agenten so lange denken, handeln und prüfen lässt, bis eine Aufgabe erledigt ist, und der Graph, ein vorab festgelegtes Ablaufdiagramm mit fester Reihenfolge, regeln beide nur, wie oft beziehungsweise in welcher Reihenfolge etwas passiert. Keines von beiden regelt, wer etwas darf und wer am Ende entscheidet. Genau das war für uns der Punkt, an dem ein einzelner Chat nicht mehr ausreichte.

Rollen statt Prompts

Jeder unserer Agenten hat eine klar umrissene Rolle, hinterlegtes Fachwissen, eigene Guardrails (klar benannte Grenzen dessen, was er nie darf, und Stellen, an denen ein Mensch zustimmen muss) sowie ein Gedächtnis über einzelne Sitzungen hinaus. Ledger etwa kennt Belegpflichten und Monatsabschluss, Lexa Verträge und Datenschutzrecht, Audrey nimmt keine Fertigmeldung ab, die sie nicht selbst nachvollzogen hat, und Dispatch zerlegt große Vorhaben in Pakete, die andere ohne Rückfragen bauen können. Spezialisierung ist bei uns Architektur, kein Prompt-Trick: Wer keine belegbare Methode für seine Rolle hat, bekommt auch keine erfundene zugeschrieben.

Damit sich die 35 Rollen nicht überschneiden, ordnen wir sie nach dem MECE-Prinzip, einem Begriff aus der Unternehmensberatung für „gegenseitig ausschließend, gemeinsam erschöpfend": Jede Aufgabe hat genau einen Zuständigen, nichts ist doppelt besetzt und nichts fällt durch. Sechs Domänen bilden dafür den Rahmen: der Querschnitt, der Arbeit zerlegt und Ergebnisse abnimmt; der laufende Betrieb entlang des Geldflusses; Marketing und Vertrieb entlang der Kundenreise; die Softwareentwicklung von Entwurf bis Betrieb; der Umgang mit Wissen und Dokumentation; und ein Zukunftslabor für Ideen und neue Werkzeuge.

Der Mensch am Gate

Der wichtigste Grundsatz lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Senden, Veröffentlichen, Zahlen und Löschen sind keine Fähigkeiten, die wir einem Agenten geben, sondern menschliche Entscheidungen, jeden Tag, bei jedem einzelnen Vorgang. Ein Agent bereitet vor, prüft, schlägt vor. Die Wirkung nach außen setzt ein Mensch frei. Dieselbe Betriebsentscheidung empfehlen wir auch jedem Unternehmen, das selbst mit KI-Agenten arbeiten will: nicht, weil die Technik es nicht könnte, sondern weil diese Verantwortung bewusst besetzt bleiben soll.

Mit Absicht auf Stufe drei und vier

Für die Einordnung, wie selbstständig ein KI-System tatsächlich arbeitet, nutzen wir ein siebenstufiges Reifegrad-Modell, das sich mit anerkannten Stufenmodellen aus Forschung und Industrie deckt — etwa dem des Knight First Amendment Institute der Columbia University, dem von Google DeepMind und OpenAIs eigenem Stufenplan. Stufe eins ist ein Chatfenster mit allgemeinem Wissen ohne Zugriff auf eigene Daten. Stufe zwei bekommt genau ein Werkzeug, darf lesen, aber nicht handeln. Ab Stufe drei („Auftrag") handelt ein Agent in echten Systemen, sobald jemand es anstößt, mit einem Tor vor jeder Wirkung nach außen. Stufe vier („Routine") startet zusätzlich von selbst nach Zeitplan und legt Ergebnisse dort ab, wo sie gebraucht werden; entschieden wird weiterhin vom Menschen. Unser Team arbeitet auf diesen beiden Stufen.

Stufe fünf würde bedeuten: senden, veröffentlichen, zahlen oder löschen, ohne dass ein Mensch zustimmt. Bei uns sind das bewusst null Agenten: nicht aus technischer Unfähigkeit, sondern weil dieser Platz von einem Menschen besetzt ist, im Einklang mit Artikel 14 des EU AI Act zur menschlichen Aufsicht und dem Risikomanagement-Rahmenwerk des US-Standardisierungsinstituts NIST. Eigene, aktuelle Forschung von Anthropic aus diesem Jahr misst dazu etwas Bemerkenswertes: Die tatsächlich ausgeübte Autonomie von KI-Agenten bleibt in der Praxis durchweg hinter ihren technischen Fähigkeiten zurück. Der Engpass ist selten das Können; er ist die Steuerung. Genau deshalb investieren wir in Rollen mit Regeln und ein Tor, an dem ein Mensch steht, statt in ein einzelnes, immer mächtigeres Chatfenster.

Zusätzlich sind Zuständigkeiten technisch getrennt, nicht nur auf dem Papier: Für die interne Entwicklungsarbeit laufen andere Konten als für Arbeit, die einen Auftragsverarbeitungsvertrag braucht, weil personenbezogene Kundendaten im Spiel sind. Diese Grenze ist verdrahtet, keine Absichtserklärung.

Ein Team aus 35 Rollen ist am Ende kein Beweis für besonders viel KI. Es ist der Versuch, dieselbe Verantwortlichkeit zu bewahren, die ein Team aus 35 Menschen auch hätte, nur dass hier ein Mensch am Ende jedes Vorgangs steht und nicht mittendrin verloren geht.